In meinem ersten Beitrag habe ich ein paar Begriffe eingestreut, die den meisten, die nichts mit derartigem zu tun haben, wohl unbekannt sind. Generell können sich die meisten Menschen erfahrungsgemäß allein schon unter „Depression“ kaum vorstellen, was das ist, wie es sich anfühlt.
Ich leide unter einer sogenannten „Double Depression“, was nichts anderes bedeutet als dass zwei verschiedene depressive Erkrankungen bei mir vorhanden sind. Zum einen die rezidivierende depressive Störung, was bedeutet, dass ich immer mal wieder in ausgewachsene depressive Episoden rutsche. Bisher waren sie immer mittelgradig bis schwer und bisher bin ich seit meiner Jugend durch 3 Episoden gewandert, und befinde mich gegenwärtig in der vierten. Was nun dazu geführt hat, dass ich wieder auf ein Antidepressivum angewiesen bin. Wie lange? Keine Ahnung. Vielleicht für den Rest meines Lebens.
Zum anderen habe ich Dysthymie, was bedeutet, dass ich im Grund chronisch und permanent eine leichte Depression habe. Es gibt kaum Hochgefühle, es kommt selten vor, dass ich sagen würde, es ginge mir richtig gut. Da ich es allerdings nicht anders gewohnt bin, als dass alles immer ein wenig dumpf und hinter einem leicht melancholischen Schleier in meiner Wahrnehmung liegt, könnte ich wohl nicht einmal erkennen oder unterscheiden, wann es mir wirklich gut geht. „Gut“ heißt bei mir, dass ich mich gerade neutral fühle und nicht das Gefühl habe, langsam zu ertrinken oder neben mir zu stehen. „Gut“ heißt, ich kann funktionieren ohne zusätzliche Anstrengung.
Dummerweise hat Dysthymie auch die Eigenschaft, als „hochfunktionale Depression“ bezeichnet zu werden. Ich kann also arbeiten. Sogar in Vollzeit. Man sieht mir kaum an, wie es in meinem Kopf eigentlich aussieht. Wie ausgelaugt ich jeden Abend bin, wenn ich nach Hause komme, wie wenig Kraft ich für den Alltag habe, weil alles für die Arbeit draufgeht. Damit geht einher, dass ich weniger ernstgenommen werde. Ich arbeite ja. Also ist alles gut in den Augen anderer Menschen, auch in den Augen von Ärzten und Therapeuten.
Als wäre Arbeitsfähigkeit DAS Nonplusultra für die Einschätzung von Leid und Erschöpfung.
Spoiler: Ist es nicht. Dieses Jahr im April war ich das erste Mal wegen Depressionen krankgeschrieben. Ich konnte nicht mehr, ich musste die Reißleine ziehen, wenn auch nur für zwei Wochen. Ich wurde zurück auf Venlafaxin gesetzt nach sieben Jahren, die ich ohne Medikament geschafft hatte. Es fühlte sich ein bisschen wie Versagen an, auch wenn ich weiß, dass das rational betrachtet Unsinn ist.
Das Medikament hält meine Stimmung mehr oder weniger auf einem erträglichen Level. Es heilt nichts, es sorgt auch nicht für gute Laune. So wirken Antidepressiva eben einfach nicht. Es hilft mir nur, weiter zu funktionieren, bringt Gedankenkreise zum Schweigen, verhindert, dass gewisse Gedanken von früher erneut aufflammen. Es vermindert ein wenig den Leidensdruck und sorgt dafür, dass ich morgens überhaupt aus dem Bett komme.
Depression ist eben nicht nur „sich down fühlen“ oder „traurig sein“. Es ist weit, weit mehr als das. Depression kriecht in die tiefsten Ecken des eigenen Seins und verdunkelt sie. Depression schnürt die Kehle zu, erstickt langsam und teils schmerzhaft die Seele, bis kein Gefühl mehr da ist und alles gleichgültig ist.
Depression fühlt sich für mich an wie zäher, schwarzer Teer, der durch Nervenbahnen und Adern kriecht, Gedanken und Wahrnehmung verzerrt, mich von mir selbst abschneidet.
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